Würstchen auf Zollverein und 100 Jahre Rhein-Herne-Kanal

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Der letzte Sonntag stand bei mir unter der Überschrift Lack und Leder, weiße Wände und heiße Würstchen sowie Kunst und Kanal 🙂 . Pünktlich kurz vor 11.00 Uhr war ich am ersten Sonntag im Monat mal wieder in Essen, um zu gucken, was sich an der Kokerei Zollverein in Sachen Oldtimer so tut. Die Stellplätze auf dem Gelände der Kokerei sind durch Bauarbeiten leider immer noch beschränkt und trotzdem halte ich nach geeigneten Fotomotiven Ausschau. Wenn man allerdings häufiger dabei ist, wiederholen sich die Fahrzeuge und damit die Motive mit der Zeit.

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Blank geputzten Lack gab es dieses Mal bei einem Mini Treffen zu sehen und relativ viel Leder in amerikanischen Großraumlimousinen, die ohne Frage interessant sind, aber in Mengen auftretend doch eher wieder nicht. Also beschränkte ich mich auf die kleinen Dinge am Rande, auf umstrickte Stoßstangen, auf Leute die ihre Autos (wenn man dem Aufkleber glaubt) „KarlHeinzTralala“ nennen oder auf einen der letzten aktiven Feuerwehrkäfer extra aus Rheinberg am Niederrhein angereist. Somit hatte ich nach ca. 1,5 Stunden die meisten Fahrzeuge durch, habe noch die eine oder andere Radkappe abgelichtet und die sich spiegelnde Kokerei Zollverein auf der Motorhaube eines schwarzen … öhm … ach egal.

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Danach, auf dem Weg zurück zum Parkplatz, habe ich mich bei der Ausstellung mit weißen Wänden im Kohleaschebunker („La Primavera“) umgesehen. Zuerst wollte ich mich garnicht anstellen, als ich die Warteschlange vor der Türe stehen sah, aber nach einem kostenlosen Bratwürstchen der Stiftung Zollverein wurde die Warteschlange bereits kürzer 😀 . Also angestellt. Und was gibt’s zu sehen? Einen weißen Raum im dunkeln, den man mit Schuhüberziehern in übergroßer Pantoffelform betreten durfte. Am liebsten war es den Machern, wenn man selbst auch noch in weißer (Teil-)Kleidung zu dem Event kam. Also habe ich eine schwarze Hose angezogen 😉 … und ein weißes Shirt mit langen Armen.

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Man stelle sich bitte ein, sagen wir mal, Durchschnittszimmer vor, ohne Einrichtung und ohne Fenster, aber mit ca. 4-5 Meter Deckenhöhe, dazu Puschen in Größe 50 an den Füßen 😀 . So schlufften (gibt’s das Wort?) wir also in den Raum hinein und hinter uns fiel die Türe ins Schloß. Es war fast stockfinster, man sah die Hand vor Augen nicht. Wahnsinn, dieses Kunsterlebnis 🙂 . Ja Moment, das war’s ja noch garnicht. Nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte man an einem Ende des Raums ein paar Sonnenstrahlen, die durch einen schmalen Spalt fielen und den Raum optisch vergrößerten. Ja!?! Öhm … kommt jetzt noch was, fließt das Wasser plötzlich aufwärts, wackelt der Boden, bewegt sich die Wand auf einen zu? Springt vielleicht so ein Gummihampelmann aus einer versteckten Kiste? Öhm … nö.

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Wenn ihr auch mal Puschen in Größe 50 ausprobieren wollt, Geöffnet ist „La Primavera“ noch bis 28.09., Fr–So und an Feiertagen von 11.00 – 18.00 Uhr. Nach diesem weltbewegenden Erlebnis und der doch recht schnellen Abhandlung dieses Kunstteils, konträr zur Wartezeit vorher, konnte ich überlegen um 15.00 Uhr wieder bei schönstem Sonnenwetter auf dem Sofa zu hocken oder, wenn man gerade schon mal in Essen ist, noch eine Ecke weiter nach Waltrop zum Schiffshebewerk Henrichenburg zu fahren. Das Schiffhebewerk hatte an dem Sonntag Museumsfest mit freiem Eintritt. Hätte ich gewußt, daß das ansonsten (wenn ich bisher dort war) fast leere Hebewerk so einen Ansturm erleben würde, ich hätte mir das nochmal überlegt.

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Nach einigem hin und her und einem Parkplatz bei Hornbach (offiziell freigegeben) ging’s dann ins LWL Museum. Nicht daß ich, wie bereits erwähnt, das erste Mal dort wäre, weshalb ich auch nicht soviele Fotos vom Hebewerk selbst gemacht habe, ich wollte zur Ausstellung „100 Jahre Rhein-Herne-Kanal“ das an diesem Sonntag auf dem Schleppkahn „Ostara“ eröffnet werden sollte. Auf der Bühne gesellten sich aber noch die Macher der Ausstellung und einige andere, die vom WDR Mann Helmut Rehmsen interviewt wurden. Als sich dann die Türen öffneten strömten die Massen auf das Schiff. So 80 – 250 sollten es wohl gewesen sein, die alle gleichzeitig rein wollten 🙂 . Während draußen (ich hatte meine Jacke im Auto gelassen) noch um die 18 Grad herrschten, waren es unter dem Dach des Schleppkahn locker 25 Grad. Wenn draußen kalt auch drinnen kalt, wenn draußen Sonne, drinnen warm solltet ihr euch merken, wenn ihr dort oder an einem anderen Standort diese Ausstellung besuchen wollt.

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Und was gibt’s zu sehen? Ein buntes Sammelsurium aus 100 Jahren Rhein-Herne-Kanal. Zelte der Emscherkunst, genauso wie Postkarten aus Zeiten des Kriegs, Gemälde und Fotos mit Begebenheiten am Ufer des Kanals (ob das Mädel welches ihr Oberteil lupft wußte, daß sie mal Teil einer Ausstellung wird 😉 ), aber auch Fundstücke, die bei der Suche nach was ganz anderem im Kanal wieder ans Tageslicht befördert wurden. Dazu einen 75’er(!) Schraubenschlüssel, Pollerpuppen und Pokale aus dem Revier, Schiffsmodelle, prähistorische Funde und ein Auerochse in Lebensgröße (oder wie ein junger Besucher betonte, ein Aua-Ochse). Alles in allem eine kurzweilige Ausstellung, die bis zum Herbst an weiteren Standorten des Rhein-Herne-Kanals zu finden sein wird. Wenn die Ausstellung nicht Teil des Museums ist, wie im Schiffshebewerk, ist der Eintritt m.W. frei.

Oldtimerbilder dieses und vorheriger Treffen Flickr / Google+
100 Jahre Rhein-Herne-Kanal Flickr / Google+

Schiffe heben und Türme besteigen

Wild wild east oder eine Geschichte über Schiffe heben und Türme besteigen

Ein wettertechnisch wunderschöner Pfingstsonntag liegt hinter uns, für mich die Gelegenheit mal wieder in den Osten des Ruhrgebiets zu fahren. Warum gerade an diesem Sonntag? Weil es der 3. Sonntag im Monat war und das heißt auf Zeche Zollern „Führung durch die Maschinenhalle“, aber dazu gleich mehr. Außerdem ist ein Sonntag i.d.R. gut geeignet die Autobahnen im Ruhrpott zu nutzen, ohne im Stau zu stehen.

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Zunächst führte mich der Weg noch einmal zum Schiffshebewerk nach Henrichenburg. Das liegt nur wenige Autominuten von der Autobahn 2 entfernt und wenn ich ehrlich bin, bis 2010 wußte ich nichtmal von dessen Existenz. Schon von der Straße, die unterhalb des Schiffshebewerks hindurchführt, hat man einen tollen Blick auf das Gebäude, daß seit 1979 zum LWL-Industriemuseum gehört. Zur Zeit ist das Oberwasser (also oberhalb des Hebewerks, daher der Name Oberwasser ;-)) in Renovierung, was auch der Grund dafür ist, daß die Museumsschiffe derzeit nicht besichtigt werden können. Dennoch ist das Gelände einen Besuch wert, insbesondere, wenn man die engen Treppen in den Türmen nach oben klettert und von der Kommandobrücke ganz oben auf den alten Trog blickt, in dem früher die Schiffe transportiert wurden. Einen Blick auf den naheliegenden Hornbach Baumarkt gibt’s übrigens auch, tut hier aber nichts zu Sache ;-).

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Schiffe fahren durch dieses Hebewerk natürlich nicht mehr, aber im alten Transporttrog kann man anscheinend speisen. Zumindest standen eine ganze Menge Teller dort auf dem Boden ;-). Nachdem ich also die Stiegen wieder runtergekrakselt war habe ich mir die Keramiken dort auf dem Boden näher betrachtet. Nein Essen gab’s doch nur am Gastrobus nebenan, die Keramiken auf dem Boden waren alle leer. Ihr meint das wäre Kunst? Was seid ihr nur für schlaue Köpfe, denn was habt ihr wieder mal? Genau Recht habt ihr. Es handelt sich um eine Installation namens „Vessels“ (nein nicht die Mehrzahl von Fessel, sondern in der Übersetzung doppeldeutig – gleichermaßen für Gefäße wie für Schiffe), der Künstlerin Young-Jae Lee. Sieht schon merkwürdig aus, wenn die Kunst auf dem Boden verteilt steht, aber bitte Kunst liegt ja im Auge des Betrachters. Bis 16.6.2013 habt ihr noch die Möglichkeit „Vessels“ zu besuchen, aber nur gucken, nicht anfassen.

Bilder fürs Internet26

Ich habe dann auch mal ein bisschen in Kunst gemacht und den Tellern meinen persönlichen Alien verpaßt. Ob das ’ne Marktlücke ist 😉 ? Im hinteren Bereich des Museumsgeländes wird’s übrigens gemütlich. Rattanstühle unter Hochspannungsmasten, ein Schwan im Wasser (wo auch sonst) und der Ankergebrauchtmarkt (die wollten mir keinen Anker als Geschenk verpacken 😮 ). Pffft, dann eben ab zum nächsten Ziel.

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Ca. 20 Kilometer weiter südlich gings zur Zeche Zollern. Die ehemalige Zeche im Jugendstil-Gewand ist nicht nur wunderschön anzusehen, man kann auch auf einen der beiden Fördertürme steigen klettern und im Besteigen Klettern bin ich gut 😀 . Dabei sind die beiden Türme garnicht die Originaltürme der Zeche Zollern, aber sie wurden zumindest baugleich ersetzt. Auch die Zeche Zollern ist ein Standort des LWL Industriemuseums und auch hier (wie in Henrichenburg) habe ich übrigens meine RuhrTopCard genutzt. Also zunächst ab nach oben und die Zeche von oben betrachten. Unten sieht’s ein bisschen aus, wie auf einer Modelleisenbahn, in der Ferne ist der Fernsehturm von Dortmund und dieses (angeblich) berühmte 😉 Stadion zu erkennen.

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Seit einiger Zeit sind die beiden Seilscheiben des Förderturms auch wieder mit Seilen bestückt und wenn die Maschinenhalle fertig renoviert ist, werden diese zu Schauzwecken auch wieder betrieben. Die Maschinenhalle ist seit 2007 (also schon bevor ich das erste Mal dort war) in Renovierung. Warum so lange? Weil ein Billiganbieter eine „agressive Plörre“ (O-Ton) draufgekippt hat, die mehr geschadet als genutzt hat. Also wird es wohl mindestens 2014 werden, bis die Halle wieder für alle zugänglich wird. Aber jeden 3. Sonntag im Monat gibt es eine ca. 1 stündige Führung durch die Halle und bei dem schönen Wetter fanden sich an diesem Sonntag über 60(!) Besucher zur Führung ein (darunter viele Fotografen). Die Halle selbst wird durch einen Nebeneingang betreten und gleicht von der Größe Höhe her einer kleinen Schiffswerft. Für die Zeche Zollern wurde seinerzeit die erste elektrische Fördermaschine der Welt in die Maschinenhalle eingebaut.

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Die Förderung von Mannschaften und Kohle erfolgte fortan mit durch Elektromotoren angetriebenen Treibscheiben. Auch die Schalttafeln an der Wand waren, für heutige Verhältnisse unvorstellbar, aus Marmor. Die Elektromotoren, die Schalttafeln, der Arbeitsplatz des Fördermaschinisten, alles das wird in der ca. 1 stündigen Führung vorgestellt (und ab irgendwann in 2014 auch sozusagen live). Bilderkes habe ich zu hunderten gemacht, eine Auswahl im sich mehr und mehr füllenden Album „Ruhr 2013“ bei Flickr und Google+.

Schiffshebewerk Henrichenburg

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Gestern habe ich mich über die A2 in den Nordosten des Ruhrgebiets aufgemacht. Vorbei an der weithin sichtbaren Halde Hoheward ging es dieses Mal zum Schiffshebewerk Henrichenburg.

Beinahe wäre der imposante Eingang zum Dortmund-Ems Kanal in den 70’er Jahren abgerissen worden, hätte nicht der Landschaftsverband Westfalen-Lippe 1979 beschlossen das technische Denkmal als Standort des Westfälischen Industriemuseums (heute LWL-Industriemuseum) wieder aufzubauen. Pünktlich um kurz vor 10.00 war ich dort und durfte dank RuhrTopCard auch gleich hinein.

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Am 11. August 1899 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht, konnte das Hebewerk seinerzeit 3600 Tonnen in die Höhe heben einzig und alleine durch fünf zylindrischen Schwimmer, die in 33 Meter tiefe, wassergefüllte Brunnen eintauchten. Der Auftrieb und ein relativ kleiner elektrischer Motor, mit etwa 110 kW, zum Überwinden der Reibungswiderstände, reichte aus, um den Trog aufwärts oder abwärts in Bewegung zu setzen. Man darf nicht vergessen, daß diese Ingenieursleistung um 1895 zu Stande gekommen ist, also lange bevor es Computer oder Taschenrechner gab.

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Und warum überhaupt ein Schiffshebewerk und keine Schleuse? Weil im Umfeld dieser Hebeanlage kein „echter“ Fluß in der Nähe war, um den Dortmund-Ems-Kanal wieder aufzufüllen, denn eine Schleuse hat einen hohen Wasserverlust. Pumpen waren 1899 nicht leistungsstark genug die 14 Meter Höhenunterschied wieder mit Wasser auszugleichen. Wer schwindelfrei ist, kann sogar die Türme über mehr als 130 Treppenstufen besteigen und sich anschließend das Hebewerk von oben ansehen.

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Der Schleusenpark ist im Laufe der Jahre gewachsen, so daß mittlerweile zwei Hebewerke, das von 1899 und das von 1962 dort zu finden sind ebenso wie zwei Sparschleusen. Die neueren Modelle dieser Schleusen speichern einen Großteil des Wassers zwischen, so daß der Wasserverlust nicht mehr so groß ist. Außerdem unterstützen Pumpen heute beim Wasserausgleich zw. Unter- und Oberwasser. Zur Zeit ist nur noch die neueste Schleuse in Betrieb, das erste Modell der Sparschleuse wurde im Schleusenbereich geöffnet und kann nun wie eine Art Tunnel durchlaufen bzw. mit dem Fahrrad durchfahren werden.