Berlin – Natur, Kultur und Industrie (II)

Schiffstour auf der Spree
Die im ersten Teil erwähnte Welcome Card habe ich am nächsten Tag genutzt, um den Tag auf einem Schiff zu starten. Am frühen Morgen mit einem Schiff über die Spree schippern und die ersten Sonnenstrahlen genießen kann so entspannend sein. Außerdem habe ich Berlin noch nie von der Spree aus betrachtet und wenn man denkt, man hätte schon alles gesehen, so erhält man einen ganz neuen Blick auf Reichstag, Bundeskanzleramt oder Berliner Dom. Danach ging es mit der U-Bahn weiter in den südöstlichen Teil der Stadt, zu einem touristisch noch nicht so erschlossenen Thema. Ich wollte mich in Berlin einmal dem Thema „Industriekultur“, über das ich ja regelmäßig aus dem Ruhrgebiet erzähle, nähern.

Berliner Zentrum Industriekultur
Seit das Ruhrgebiet im Jahr 2010 Kulturhauptstadt war, hat sich auch der Begriff „Industriekultur“ etabliert und dort wo früher Kohle und Stahl zu Hause war, sind heute Kletterstiege und Aussichtsplateaus, Museen und Ausstellungen beheimatet. Aber Industrie ist und war nicht alleine im Ruhrgebiet zu Hause, auch Berlin hat bereits eine große industrielle Entwicklung hinter sich. Das von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) und der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin gemeinsam getragene Berliner Zentrum Industriekultur (bzi) hat zu Jahresbeginn eine Kooperation mit dem Regionalverband Ruhr (RVR) zum Zwecke des Erfahrungsaustauschs geschlossen.

Oberschöneweide
Während das Ruhrgebiet vom Bergbau geprägt wurde und mit stillgelegten Zechen, Kokereien und Halden die Besucherinnen und Besucher anzieht, steht Berlin vor allem für die Elektroindustrie. Stichworte hier Emil Rathenau, Peter Behrens oder die AEG. Auf gings also nach Oberschöneweide. Der Weg dahin führte mich vorbei am Tempelhofer Feld, das mich immer wieder aufs neue begeistert. Nur wer mal mittig auf einer der beiden ehemaligen Landebahnen stand und trotzdem nicht das Ende der Piste sieht weiß, was 300 Hektar unbebaute Fläche bedeutet. Auch das Tempelhofer Feld gehört neben dem Deutschen Technikmuseum oder der Kulturbrauerei zur Route der Berliner Industriekultur.

Industriesalon Schöneweide
Ich habe eine 600 qm große Halle an der Reinbeckstraße 9 besucht, welche bis zur Wende die Vorwerkstatt des Transformatorenwerkes Oberschöneweide beheimatete. Hier befindet sich der Industriesalon Schöneweide. Ich bin Technik begeistert aber kein Techniker und trotzdem fand ich den Einblick in die Halle wie eine Reise in eine andere Zeit. Wer älter als 40 ist, erinnert sich vielleicht noch an Omas alten Röhrenfernseher. Nicht nur die Bildröhre sondern auch im Fernsehgerät selbst steckten kleine Glaskolben, sogenannte Elektronenröhren.

Diese wurden ebenso in Oberschöneweide produziert wie auch die Kabel, mit denen Ende des 19. Jahrhunderts Berlin elektrifiziert wurde. Hier startete 1883 die AEG, gegründet durch Emil Rathenau. Oberschöneweide war später der größte Industriestandort der DDR, mit bis zu 30.000 Beschäftigten. Nach der Wende blieb vielen Betrieben nur noch eine Gnadenfrist. Die größte Einheit, das Werk für Fernsehelektronik überlebte unter der Regie von Samsung bis 2006, wurde mit Einführung der Flachbildschirme aber aufgegeben. Als Samsung 2009 seine Immobilie „besenrein“ verkaufen wollte, drohte eine ganze Reihe von Material im Müllcontainer zu landen. Das war die Geburtsstunde des Industriesalons. Aber nicht nur Fernseh- und Elektronenröhren sind Teil der Ausstellung auch eine Tokata Orgel, ein Sendeschrank des RIAS Berlin oder ein Original Störsender der DDR (ebenfalls in Schrankgröße) gehören dazu.

AEG Tour und Brian Adams
Neugierig geworden? Dann klickt mal auf die Produktionen von tv.berlin mit dem Titel „Industriesalon Schöneweide“ (Teil 123). Führungen? Ja die gibt es auch, schaut dazu mal hier vorbei. Ich habe an der AEG Tour teilgenommen, die uns für 2 Stunden entlang der damaligen Industriegebäude führt. Einige wie z.B. die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) sind in gutem, andere sind in einem miserablen Zustand und dürfen zum Teil nicht einmal betreten werden. Problem ist, daß nach der Wende, anders als im Ruhrgebiet, vielfach private Investoren die Gebäude von der Treuhand gekauft haben und hochtrabende Pläne hatten, diese aber mittlerweile größtenteils im Sande verlaufen sind. So gehört die Halle neben dem Industriesalon z.B. Brian Adams (Have You Ever Really Loved a Woman, Everything I Do I Do It For You).

Er sollte der Kunst- und Kulturszene in Oberschöneweide Auftrieb verschaffen, hat aber einen Teil der Halle schon wieder verkauft. Viele grandiose Baudenkmäler verfallen und auch die zugehörigen Schlote stehen zwar unter Denkmalschutz, sind aber Einsturz gefährdet. Lediglich ein Gebäude ist wunderschön gesandstrahlt worden, als der Besuch der britischen Queen 1992 im noch produzierenden Kabelwerk anstand. Am Ende der Führung betreten wir den Peter-Behrens-Bau mit einem spektakulären Lichthof, klettern auf den Turm, der früher mal ein Wasserspeicher war und blicken weit über Berlin.

Hier schließt sich der Kreis wieder zu NRW, denn Gebäude in Düsseldorf oder in Oberhausen (z.B. das Sammlungsdepot des LVR-Industriemuseums) wurden ebenso von Peter Behrens entworfen. Man kann nur hoffen, daß die Kooperation mit dem Regionalverband Ruhr bald Früchte trägt. Der Eintritt in den Industriesalon Schöneweide ist übrigens kostenlos, Spenden sind aber willkommen (pay what you want). Weitere Bilder aus beiden Teilen dieses Blogbeitrags findet ihr bei Flickr und Google Photos.

Tour durch Oberschöneweide

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