Revierfolklore (Zeche Hannover)

Seit die neue Ausstellung „Revierfolklore“ auf der Zeche Hannover in Bochum läuft, frage ich mich, ob ich bei Folklore überhaupt mitreden kann. Bis zu meinem 25. Lebensjahr habe ich im Ruhrpott gewohnt und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, ich hätte etwas verpaßt. So manchen Sommertag kam ich zwar auch potte dreckig vom Spielen heim, Bergbau und Kohle waren mir jedoch fremd, denn die letzten Zechen in Oberhausen schlossen vor meiner Grundschulzeit. Ob beim Revierderby Dortmund oder Schalke gewonnen hat, ich wußte es nicht und selbst das Steigerlied habe ich nicht bewußt wahrgenommen.

Die Jahrzehnte lange Tradition des Ruhrgebiets ist mir erst mit dem Kulturhauptstadtjahr so richtig bewußt geworden. Der Ruhrpott ist mittlerweile längst nicht mehr grau, auch wenn sich der Mythos nach wie vor hält, aber nicht umsonst, ist die Bergbaugeschichte verbunden mit dem Begriff Maloche. Beim Betreten der im übrigen kostenlosen Ausstellung, fällt der erste Blick auf die für den Bergbau typischen Grubenlampen sowie auf die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute. Und was sind das für Flaschen? Wer bisher dachte nur Schiffe kommen in die Flasche, erkennt im nächsten Schaukasten auch Bergleute können in einer Flasche verewigt werden.

Die Tradition der sogenannten Geduldsflaschen, bei denen der Zusammenbau in der Flasche stattfindet, ist schon mehr als 300 Jahre alt und kam aus dem Erzgebirge ins Revier. Auch davon hatte ich noch nie gehört. Etwas bekannter dürfte die traditionelle Tracht der Berg- und Hüttenleute sein. Sie besteht noch heute aus Bergkittel und Schachthut. Beides findet sich im nächsten Schaukasten. Wußtet ihr, daß auch der Fußball im Revier aus dem Arbeiter- und Bergmannsmileu entstanden ist? Die Ausstellung zeigt typische Fanbekundungen von der Kutte bis zur Trommel.

Die bergmännischen Symbole Schlägel und Eisen, der Bergmannsgruß „Glück auf“ und eine gesunde Portion Heimatstolz werden auch nach dem Ende des Steinkohlebergbaus erhalten bleiben, aber wie immer, wenn es um Erinnerungskultur geht, ist die Grenze zwischen Andenken und Kommerz eng gesteckt. Neben Kaffeetasse, Quietscheente und Ruhrpottmusik, zeigt der echte Ruhri seine Verbundenheit zum Revier gerne auch an Hand von Brauereien der Region oder der Skyline der Heimatstadt auf dem Shirt.

Auch verschiedene „Rachenputzer“ sind Teil der Ausstellung, vom Püttmann bis zum sicherlich nicht ganz ernst gemeinten Ruhrpott Gin „Kokoschinski“. Der Name leitet sich übrigens aus dem polnischen Kokociński ab oder wie andere Quellen sagen als abwertenden Begriff für Franzosen nach dem 1. Weltkrieg aus coq (Hahn) und cochon (Schwein). Die Ausstellung hat mich nachdenklich gemacht, aber vielleicht wird so mancher Besucher verstehen, warum der Ruhrpott nicht mehr der Kohlenpott von damals ist, sich die Ruhris aber trotzdem gerne an die Zeit des Bergbaus zurückerinnern werden und zurückerinnern möchten.

Vergeßt nich noch einen Blick auf die Dampffördermaschine zu werfen und verpaßt auch nicht die Fotosammlung der nachbergbaulichen Verwendung von Grubenloren im Malakowturm. Und wenn ihr zum ersten Mal dort seid und euch fragt, warum stehen und liegen da 350 Paar Bergarbeiterstiefel vor dem Maschinenhaus – es ist eine Kunstinstallation aus 2010 mit dem Titel „Fortschritt“ und soll den Weg der Bergleute von der ehemaligen Waschkaue zu Schacht2 der Zeche Hannover simbolisieren.

Der Zahn der Zeit ist auch an den Stiefeln in den letzten 8 Jahren nichte spurlos vorrübergegangen. Für ein paar weitere Bilder klickt bitte wieder auf Flickr oder Google Photos.

Ein Kommentar

  1. Geht mir ähnlich – bis aufs Steigerlied ist mir das alles mehr oder wenig ein wenig fremd. Dazu bin ich auch noch nicht mal ein allzu großer Fan der vielbesungenen Industriekultur, gg.. ich mag lieber Wälder und Seen. Das Steigerlied wiederrum begleitet mich seit Kindertagen, ist es doch fester Bestandteil der jährlichen Maischützen, mittlerweile ein großes Stadtfest hier. Über mehrere Tage…
    Trotzdem mag ich solche Ausstellungen.

    Antwort

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