Melt – So klang das Hochofenwerk

Melt

Ach herrlich, diese Ruhe. Ist es bei euch zu Hause auch so schön ruhig? Der einzige Krach ertönt, wenn ihr euren Gummibaum anschreit? Kein Gummibaum? Gut … Ihr wohnt abseits der großen Straße (kleines Wortspiel, denn „Über die Schönheit der großen Straße“ schreibe ich auch noch was)? Ihr wollt Krach und Licht und Kunst? Das sind ja gleich drei Dinge auf einmal 😀 . Sollt ihr haben, ihr müßt aber nach Duisburg kommen, genauer in den Landschaftspark Duisburg Nord. Dort hat heute (16.08.2014) im Rahmen der Ruhrtriennale „Melt“ eröffnet. Melt? What the hell is Melt? Melt soll euch das Leben und die Arbeit im Hochofenwerk näher bringen.

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Außerdem könnt ihr so richtig ausflippen (wenn ihr das wollt) und coole, verrückte, abgedrehte Fotos machen. Aha! Und was macht so’n Melt werdet ihr euch jetzt fragen. Ich haue erstmal ein paar Zahlen raus. Die Installation besteht aus 50 Aluminiumplatten, 1.800 Sprungfedern ist 3 Meter breit und 70 Meter lang und das zusammen ergibt das Kunstwerk „Melt“. Die polierten Aluminiumplatten (die nach einiger Zeit auf Grund der Fußabdrücke nicht mehr durchgängig spiegeln) neigen sich auf Grund der Federn und eurem Körpergewicht mal nach links, mal nach rechts, mal nach vorne und bringen so Leben in die Bude.

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Und weil die Aluminiumplatten an den Kanten aufeinander liegen und gerade Kinder gerne über die Plattenkonstruktion hüpfen, kommt Melt gehörig in Schwingung und verursacht einen ohrenbetäubenden Lärm. Man stelle sich eine Metallrutsche vor, auf der früher die Kohlen, das Koks, was auch immer in den Hochofen gerutscht sind, dieses Geräusch soll mit der Installation nachgebildet werden. Melt ist übrigens nur wenige Zentimeter hoch, also keine Angst, wer halbwegs geradeaus laufen kann, kann das Kunstwerk betreten. Außerdem kann man jederzeit rechts oder links von den Platten wieder absteigen.

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Zwischendrinn sind die Aluminiumplatten von oben beleuchtet, so daß sich je nach Bewegung und Regentropfen, die das Kunstwerk z.T. auch treffen, eine flackernde Beleuchtung an der Decke der Hochofenstraße ergibt. Das brasilianische Künstlerduo cantoni crescenti laden euch noch bis zum 28. September in den Landschaftspark Duisburg Nord zu „Melt“ ein. Dort ist das Kunstwerk täglich von 10.00 – 23.00 Uhr frei zugänglich. Die Hochofenstraße ist links am Büdchen vorbei kaum zu verfehlen … einfach immer dem Geräusch nach 🙂 . Zu laut für euch? Dann kommt einfach, wenn weniger Leute im Park sind, dann könnt ihr euch langsam rantasten.

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P.S.: So wie es aussieht, bekommt der begehbare Hochofen demnächst einen weitern und breiteren Zugang (siehe Foto). Weitere Bilder bei Google+ bzw. Flickr.

Ruhrtriennale 2013

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Da toure ich jetzt seit 2010 durchs Ruhrgebiet und die Ruhrtriennale ist mir durchaus ein Begriff, aber ich habe noch nie irgendeine Vorstellung o.ä. besucht. Der Grund könnte sein, daß die Karten i.d.Regel schnell vergriffen sind, zum anderen aber auch, daß das mit der Kunst immer so eine Sache ist. Aktuell läuft die vierte Triennale (von 2012 – 2014) und gestern habe ich mich in einer Karftzentrale von Maschinen- und technoähnlichen Geräuschen kombiniert mit gleißend hellem Licht maltretieren lassen, in einer Kohlenmischanlage in künstlichem Nebel gestanden und von wummernden Bässen durchrütteln lassen und beinahe unter einer Dusche mit 800 Litern Wasser … pro Sekunde gestanden. Alle diese Erlebnisse sind Teil der Ruhrtriennale 2013 und kostenfrei zugänglich.

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Start war an der Zeche Zollverein. Dort findet ihr bis zum 6. Oktober (täglich außer bei zu starkem Wind) den rAndom International: Tower. Aus 19 Metern Höhe schießt aus 520 Düsen 800 Liter Wasser pro Sekunde(!) herunter. Bewaffnet mit einem Regenmantel (hängt vor Ort aus) kann man sich in die Mitte des Rechtecks (6 x 8 Meter) stellen, aber auch mitten in den Wasserstrom. Nein, ich habe es nicht ausprobiert, weil ich noch was vor hatte an dem Tag und befürchtet habe, völlig durchnäßt den Resttag verbringen zu müssen. Aber es muß wohl eine tolle Erfahrung sein, wenn ich mir betrachte, wieviele Menschen den Versuch gewagt haben.

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Der Weg ging weiter entlang des Zollvereingeländes zur Kokerei. Am Bahnhof Zollverein stand ein Schienenbus und wartete auf Fahrgäste, das „Werksschwimmbad“ der Kokerei Zollverein hatte auch geöffnet aber ich wollte in die Mischanlage. Mischanlage? Der Name erinnert vielleicht an sowas wie Betonmischanlage ;-). Nein, hier wurden früher die verschiedenen Kohlesorten gemischt, Fettkohle, Magerkohle (die esse ich immer ;-)) … na und so weiter. In die Mischanlage kommt man an normalen Tagen nicht rein, höchstens bei einer Führung. Also nix wie los, mit dem Aufzug in die 3. Etage, kurze Erklärung von dem armen Menschen abgeholt, der da den ganzen Tag im Dunkeln stehen muß und dann zu Douglas Gordon: Silence, Exile, Deceit.

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Bereits beim Zutritt über die Treppe hinunter in die 2. Etage wirft selbige einen gruseligen Treppenschatten an die Wand. Nebel kommt einem entgegen, rechts sitzt eine Krähe (auf einem Bildschirm), links ist auf einer locker 2 Meter großen Leinwand das Umfeld zu sehen in dem man gerade steht. Auf der Leinwand wird in Stößen Feuer entfacht, während um einen herum die Bässe derart wummern, das es im Bauch kribbelt. In der Mitte des Kohletrichters gespenstige Beleuchtung, andere Besucher huschen an den Fenstern gegenüber vorbei. Man kann die Runde wieder und wieder drehen, Fotomöglichkeiten auskundschaften, in Nebelwolken verschwinden. Tolle Installation.

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Schon mal überlegt euer Radio und TV Gerät nach Sendeschluß (ach ne gibt’s ja nicht mehr), dann eben auf einen Kanal einzustellen, bei dem der Empfang schlecht ist und dann die Kiste volles Rohr aufzudrehen? Dazu die Stereoanlage auf Rückkopplung zu programmieren und einen Basketballstar in einer leeren, wiederhallenden Sprothalle dribbeln zu lassen? Wie jetzt … nein ;-)? So ähnlich ergeht es einem in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg Nord (LaPaDu). Dort läuft nämlich eine Videoinstallation mit dem Titel „Ryoji Ikeda: test pattern [100 m version]“.

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Es quietscht und pfeift, kurz leise, dann wieder ohrenbetäubend laut. Gut, daß ich eh schon halb taub auf einem Ohr bin. Zuerst auf die Empore rauf und das ganze Spektakel von oben betrachten. Auf dem Boden liegt 100 m heller Belag, eine Art Leinwand auf dem Fußboden. An der Decke der Kraftzenztrale Projektoren die Strichcodeähnliche Bilder auf den Boden spielen. Erst langsam, dann schneller werdend. Dann große weiße Vierecke, gefolgt von großen schwarzen Vierecken. Dazwischen Besucher als Teil der Installation. Die Treppe wieder runter, Schuhe aus und die „Leinwand“ betreten. Jetzt bin ich Teil der Kunst und merke, mir donnern die Bässe in den Bauch und pfeifen die hohen Töne in den Ohren. Mir ziehen die Streifen den Boden unter den Füßen weg :-o.

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Um euch mal einen Eindruck zu vermitteln, habe ich die DigiCam (die Videokamera hatte ich leider nicht dabei) mal auf Aufnahme gestellt und euch anschließend einen 1:30’er Filmchen auf YouTube hochgeladen. Eins vorweg, die DigiCam war mit dem Ton leicht überfordert, aber schaut selbst.

Achtung – Die Präsentation in Duisburg lief an diesem Wochenende (23.-25.08.2013) und dann wieder vom 04.-15.09.2013. Geht nicht hin, wenn ihr Probleme mit lauten Geräuschen oder mit flackernden Bildern oder Bildschirmen habt. Die WAZ berichtete von der Eröffnung und hier findet sich auch noch eine weitere (nicht von mir) erstelle Vorstellung des Projekts.