Auf der Suche nach Heimat

Ich weiß, daß der heutige Text nicht der meistaufgerufene werden wird, aber vielleicht gebt ihr mir trotzdem die Gelegenheit mal ein ganz anderes Thema anzusprechen. Ich habe diesen Text bereits im Frühjahr begonnen zu schreiben, ihn dann aber wieder in die Entwürfe zurückgestellt. Jetzt wo die herbstlichen Tage kommen, habe ich mich endlich entschieden auf „Veröffentlichen“ zu klicken. Während es hier im Blog häufig um Reisen oder Ausflüge ins Umland, ins Ruhrgebiet, nach Köln, Hamburg oder Berlin geht, findet sich hier selten etwas nachdenkliches, privates.

Schon vor längerem habe ich einen Blogbeitrag geschrieben, in dem es um das Thema „Heimat“, aber nur bedingt um mich ging. Geboren wurde ich im letzten Jahrtausend im Ruhrgebiet. Das ist gefühlt so lange her wie es sich anhört. Damals war das Ruhrgebiet meine Heimat. Da bin ich zur Schule gegangen und habe ich meine Lehre absolviert, da lebt meine Familie. Einen Freundeskreis aus Schulzeiten, den man sonst so gerne pflegt, den gab es nicht. Ich war damals auf einer reinen Jungenschule, denn erst zwei Jahrgangsstufen nach mir (da nützte auch 1 x sitzenbleiben nichts) wurden die ersten gemischten Klassen eingeführt.

Vielleicht versteht ihr, daß ich nach meinem Abschluß froh war, viele Chaoten von damals nicht wiedersehen zu müssen. Die Mitschülerinnen und Mitschüler aus der Berufsschule waren da schon wesentlich angenehmer und auch beim Fachabitur gab es einen tollen Klassenverband. Was aus ihnen wurde? Ich weiß es nicht. Jeder ging seine eigenen Wege und ich kam zur Bundeswehr, denn es gab ja eine Wehrpflicht. 15 Monate war ich im hohen Norden, weg aus Oberhausen, erst nahe Pinneberg, dann in Oldenburg. Ich durfte meine Hemden in DIN A4 falten und meine Schuhe putzen, auch wenn sie sauber waren. Ich durfte Waffen bedienen, immerhin eine Erfahrung, die man sonst nicht macht, aber meine Heimat, nein das war die Bundeswehr mit Sicherheit nicht. Die Zeit verging, ich lernte was Computer für die Welt bedeuten und wie man sie programmiert.

Mein erster richtiger Job führte mich nach Mönchengladbach. Wer heute jung ist hat vielleicht schon 3 x den Job gewechselt, ich bin immer noch in Mönchengladbach. Aber Heimat, nein das wurde Mönchengladbach für mich auch nicht. Dann bin ich umgezogen an den Niederrhein nach Krefeld. Es folgte was so folgte, man heiratet, bekommt Kinder (also jetzt nicht ich, ihr wißt schon was ich meine), baut ein Haus, pflanzt einen Baum, das ganze Klischee. Krefeld sollte meine Heimat werden, dachte ich. Aber das Leben spielt halt nicht immer so, wie man sich das vorstellt. Der Baum wurde wieder gefällt, das Haus verkauft, die Ehe existiert nur noch auf dem Papier und seit 2010 habe ich meine „alte“ Heimat das Ruhrgebiet wiederentdeckt.

Vor einigen Wochen besuchte ich im Rahmen des Krefelder Perspektivwechsels eine Veranstaltung, in welcher der anwesende Künstler, ich wußte vorher nichts davon, Krefelder platt sprach und sang, so daß ich als Zugezogener kein Wort verstanden habe. Das war der Moment, in dem ich mich so fremd fühlte wie noch nie. Der Psychoknigge würde an der Stelle jetzt vermutlich den Ratschlag geben, rausgehen, unter Menschen gehen, etwas unternehmen. Und genau das tue ich seit ein paar Jahren. Ich pendle zw. Köln und Krefeld, zwischen Düsseldorf und Dortmund und die Ergebnisse daraus dürft ihr in regelmäßigen Abständen an dieser Stelle lesen.

Heimat ist ein Gefühl sagt man und dieses Heimatgefühl bebildere ich heute nochmal mit ein paar Spätsommerbildern vom letzten Sonntag am Baldeneysee, denn dort fühle ich mich immer sehr wohl. Meine Heimat gefunden habe ich allerdings bis heute nicht.

11 Kommentare

  1. Hey Michael,

    schöner Beitrag. Glaubst du, dass man irgendwann irgendwo Heimat findet? Ich lebe ja in meiner Wahlheimat und kann mit der Region, in der ich geboren wurde, wenig anfangen. Auch mit meinem Studienort verbindet mich gar nichts mehr, obwohl ich dort sechs Jahre echt eine tolle Zeit hatte. Von daher glaube ich, dass der Begriff für mich sehr wenig mit einem tatsächlichen Ort zu tun hat.

    VG, Julius

    Antwort

    1. Mir fällt eine Antwort dazu schwer, vielleicht weil ich das Gefühl Heimat noch nicht gefunden habe. Aber vielleicht erwischt mich das Gefühl ja doch noch irgendwann. Danke für deinen Kommentar.

      Antwort

  2. Ein sehr nachdenklicher Text, schön das du ihn veröffentlicht hast. Und das mit der Heimat kenne ich auch – irgendwie jedenfalls. In Thüringen bin ich aufgewachsen – und ja ich komme auch gerne dorthin wieder zurück, weil es was vertrautes ist – aber Heimat. Nein nicht wirklich. Auch in Nordrhein – Westfalen bin ich zuhause – aber vor allem mit den Brauchtümern hab ich immer noch so mein Problem. Ich spreche keinen Dialekt, habe Freunde von überallher – bin ständig unterwegs. Und tatsächlich habe ich mir über das Thema Heimat gerade erst in diesem Moment wirklich gedanken gemacht. Für mich ist Heimat ein Gefühl. Dann – wenn ich angekommen bin. Die Heimat ist für mich kein Ort sondern ein Gefühl. Wenn ich meine Eltern sehe, wenn ich eine gute Freundin nach Ewigkeiten wieder in den Arm nehmen kann. Und wenn ich einfach zur Ruhe komme. Zu mir selbst. Dann fühl ich heimat. Und das ist irgendwie überall! Ich bin gespannt wo deine Reise dich noch hinführt – aber sicherlich ist es der richtige Weg.

    Antwort

  3. Lieber Michael, was ist Heimat? Eine gute Frage…
    In Krefeld wohne ich und ist mein zuhause – aber noch lange nicht meine Heimat.
    Auch mein Heimat ist das Ruhrgebiet, da MH. Auch ich habe wie Du lange in Schleswig-Holstein gewohnt (ich wusste gar nicht, wie viele Parallelen wir haben 😉 ). Aber auch da war nur bedingt meine Heimat. Meine Familie, meine Eltern waren dort – mein Bruder wohnte weiter imRuhrgebiet, so pendelten wir viel und fanden auch nicht so recht unsere Heimat.
    Ist Heimat vielleicht gar nicht etwas, was mit Raum und Ort zu tun hat, sondern hat Heimat nur etwas mit menschen zu tun? Ich weiß es nicht… Oder muss man den Raum vielleicht größer fassen als einen Ort oder Bezirk? Ich bin NRWlerin und das ist meine Heimat. Das spüre ich innerlich und ganz besonders, wenn ich in anderen Regionen unterwegs bin. Das ist ein ganz besonderer Menschenschlag…
    Ich wünsche Dir, dass Du Dein zuhause und Deine Heimat findest – ob in der Region oder mit Menschen….

    Antwort

  4. Lieber Michael,
    was für ein schöner, ehrlicher Artikel! Ich finde das Thema Heimat auch schwierig. Für mich ist Heimat ein Stück weit meine Wohnung, die für mich der ideale Rückzugsort ist. Ob sie in Dortmund sein muss? Keine Ahnung.
    Je mehr ich reise, desto mehr finde ich Orte, an denen ich mich sehr wohl fühle und wo ich mir vorstellen könnte zu leben. Es gibt Orte, an die ich komme, wo ich das Gefühl habe, nach Hause zu kommen, wie z. B. in Südfrankreich, wo ich gerade wieder war. Ob ich da aber ernsthaft Heimat finden würde weiß ich nicht.
    Ich finde, zu Heimat gehören auch die Menschen, die uns wichtig sind und die Sprache. Ich tu mich immer schwer, wenn ich keine Witzchen machen kann, weil ich der Sprache nicht so mächtig bin. Dortmunder Platt kann ich übrigens auch nicht. 🙂
    Und obwohl ich gestern noch am türkisblauen Meer in Antibes stand bei Sonne und 27 Grad, hab ich mich vorhin gefreut, als ich das Dortmunder U gesehen hab.
    In unserer schnelllebigen Welt, wo wir viel unterwegs sind, Jobs und Ehen keinen Bestand mehr haben, ist es vielleicht auch schwieriger, eine wirkliche Heimat zu finden. Vielleicht finden wir sie heute eher in uns selbst.
    Ich drück Dir die Daumen, dass Du auf Deiner Suche nach Heimat viele schöne Orte entdeckst! Manchmal ist das Suchen ja auch schöner als das Finden. 😉
    Liebe Grüße!
    Maike

    Antwort

  5. Was für ein schöner Text und eine interessante Sichtweise. Ich bin ja vor einigen Jahren ins Ruhrgebiet gezogen und empfinde es als Zuhause – aber es fällt mir schwer, es Heimat zu nennen. Und das obwohl ich glaube, dass ich Heimweh hätte, wenn ich nicht mehr hier leben würde. Heimat ist für mich auch nicht so direkt mit einem Ort verbunden, eher so ein Gefühl, dass man überall haben kann und das tatsächlich eher mit Menschen verbunden ist.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s