Nach Berlin um Geschichte zu erleben (I)

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Es war ein diesiger Julimorgen, der einem vorkam, wie ein nebeliger Herbstmorgen. Was um alles in der Welt hatte mich geritten, an einem Sonntagmorgen um 6.00 Uhr aufzustehen? Der frühe Vogel …? Na ja, aber bei dem Wetter? Ach richtig, es sollte ja an diesem Tag in die Hauptstadt gehen. Ich rieb mir die Augen und quälte mich ins Bad. Bahnfahrten sind immer ein bisschen Abenteuer und das sollte sich auch später noch zeigen. Die Liste war abgehakt und der Wecker war ausgestellt (sehr wichtig, denn daß mein Wecker während meiner Abwesenheit jeden Morgen 1 Std. durchklingelt, wollte ich meinen Nachbarn nicht antun 🙂 ).

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Nachdem zunächst die Platzreservierungen im Zug komplett durcheinander geraten waren lief es bis Hamm recht zügig. Ich lehnte mich zurück und studierte die Reiseunterlagen, die ich durch VisitBerlin bekommen hatte. In Hamm werden schließlich zwei Zugteile der DB zu einem Gesamtzug verbunden und der zweite Zugteil hatte 25 Min.(!) Verspätung. Also mußten wir, in Zugteil eins, auf dem Bahnhofsgleis versauern. Na suuuper dachte ich, als wir schließlich mit knapp 30 Minuten Verspätung weiterfuhren. Berlin erreichten wir dann auf dem restlichen Weg reibungslos.

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Der CheckIn im Hotel meiner Wahl („Großer Kurfürst“) verlief ohne weitere Komplikationen. Wenigstens war es in der Lobby angenehm kühl, während es draußen gut und gerne 32 Grad sein durften. In Berlin war Sommer angesagt. Das Hotel hatte übrigens freies WLAN, toller Service 🙂 . Die Fahrkarte vor Ort hatte ich bereits am Hauptbahnhof abgestempelt und sie garantierte mir ab sofort 72 Stunden (also jetzt noch 71 1/2 Std.) freie Fahrt in Bus und Tram in S-Bahn und Regionalverkehr. Die Karte nennt sich übrigens WelcomeCard und garantiert zusätzlich noch günstigere Eintrittspreise in vielen touristischen Attraktionen von Museum bis Schiffstour. Näheres hatte ich euch hier schon erzählt. Für die WelcomeCard bedanke ich mich zwecks Unterstützung bei Visit Berlin.

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Und noch was, nicht daß ihr später denkt ich wäre so ein Geschichtsmensch. Nein ganz und garnicht, ich konnte mir in der Schule keine geschichtlichen Zahlen merken, aber in Berlin kann man Geschichte am „lebenden Objekt“ erlernen. Überall und jederzeit begegnen einem Punkte, die mit Berlin, seiner Teilung und der Wiedervereinigung zusammenhängen. Bei der ersten Tour merkte ich, daß ich 4 Jahre nicht mehr in Berlin war und prompt etwas übereifrig in die richtige U-Bahn, aber in die falsche Richtung eingestiegen bin. Dumdidum, flöt keinem aufgefallen? Gut, an der nächsten Station wieder raus und zurück in die Gegenrichtung 🙂 . Wer sich noch nie am Bahnhof Alexanderplatz oder Potsdamer Platz unter der Erde verlaufen hat, um an der falschen Stelle das Tageslicht wiederzuentdecken möge sich melden 😀 .

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Der erste Tag startete mit etwas Regen. Regenschirm auf? Ich weigere mich. Die Wolke, weigert sich auch. Also ab in die U- und dann in die S-Bahn. Die beiden fuhren mich zum Bahnhof Ostkreuz. Vor 4 Jahren hatten die Bauarbeiten bereits begonnen, aber ich hatte seinerzeit die Gelegenheit den um 1900 erstellten Bahnhof zu fotografieren. Um 1900 war der sicher noch hochmodern, jetzt rostet(e) er nur noch vor sich hin, ein neues Ostkreuz mußte her. Während ich also ein paar neue Fotos mache und wieder zurück in die S-Bahn hüpfe hat die Wolke aufgegeben. Als nächstes möchte ich den „Stars“ etwas näherkommen oder zumindest ihren Sternen. Am Potsdamer Platz oder besser entlang der Potsdamer Straße gibt es so was wie den „Walk of fame“ in Hollywood. Hier ist es der „Boulevard der Stars“. Wie auf einem roten Teppich schlängeln sich die Sterne im Boden über den Mittelstreifen der leider vielbefahren Straße. Auch das Rot des Asphalts hat schon etwas gelitten genauso wie die Übersichtstafeln, auf denen schon einige der kleinen Sterne fehlen. Neben den Sternen stehen seltsame Stelen und ich hatte sie zunächst für Lampen gehalten, bevor ich merke, daß wenn man durch sie hindurchguckt Bilder der Stars auf die jeweils passenden Sterne projiziert werden. Schöne Idee. Weiter geht’s zum nächsten Programmpunkt.

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Wer schon jemals etwas über Berlin gelesen hat, wird vermutlich auch etwas über die geschichtsträchtige Bernauer Str. gelesen haben. Sie war 1961 eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige Straße, wo der Grenzverlauf genau vor den Häusern entlang lief. Vielleicht habt ihr schon mal die Bilder gesehen, indem die letzten Flüchtlinge aus den Fenstern flohen, bevor diese vermauert wurden. Die Häuserreihe wurde später abgerissen und durch den Todesstreifen ersetzt. Genau auf diesem Streifen liegt heute die Gedenkstätte Bernauer Str. Als ich das letzte Mal dort war, wuchs auf dem Streifen noch das Unkraut, heute könnt ihr auf einer Länge von geschätzt 1 km (zw. S-Bahnhof Nordbahnhof und U-Bahnhof Bernauer Str.) Informationen ohne Ende aufsaugen, Mauerteile anfassen, anschaulich bebilderte Mauerreste der alten Gebäude und die Reste der Bergstraße, die man incl. Bürgersteig unter dem alten Todesstreifen wieder ausgegraben hat (ohne die Straße wieder zu errichten) ansehen. Selbst Reste der alten Friedhofsmauer kann man entdecken, denn die Toten die genau an dieser Stelle lagen, mußten 1961 umgebettet werden, weil die Grenze und damit der Todesstreifen genau über den Friedhof verlief.

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Die Mauer ist zwar nicht mehr vorhanden, aber bei meinem Besuch ist mir klar geworden, daß diejenigen unter euch, die heute um oder unter 30 sind, die Bundesrepublik nie anders erlebt haben. Auch ich war in Berlin das erst Mal, als die Mauer schon gefallen war, aber ich habe die Grenze und die Grenzzäune noch erlebt (z.B. im Harz). Es ist unvorstellbar, daß Familien, teilweise Ehepaare über Jahre hinweg getrennt leben mußten. Die teilweise beklemmende (kostenlose) Ausstellung „Grenzerfahrungen“ (incl. Original „Abfertigungskabinen“) im Tränenpalast (am Bahnhof Friedrichstraße) macht das nur allzu deutlich. Die Ausstellung zeigt aber genauso die ersten Geschäftsleute, die mit Autotelefon bewaffnet im Osten erste Geschäfte abgeschlossen haben oder 1990(!) der Liebe wegen noch DDR Bürger wurden. Auch die Stasi Ausstellung auf der Zimmerstraße 90 (ebenfalls kostenlos), die ich mir aus Zeitgründen nur im Schnelldurchgang angesehen habe, läßt einen mit den Ohren schlackern. So hat mich z.B. die Holzkiste mit nachgemachten Stadtstempeln westdeutscher Städte in Erstaunen versetzt. Der Mitarbeiter des MfS brauchte ein gefälschtes Dokument mit dem Kassler oder Hamburger Stadtwappen? Kein Problem! Jede Fälscherwerkstatt würde blass vor Neid.

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Wenn ihr gerade mal da seid, wenige Meter weiter Richtung Checkpoint Charly findet ihr z.Zt. das Projekt „Die Mauer“ (10,- € für Erw. 2,50 € günstiger mit der WelcomeCard). In einem zylinderförmigen Raum, bekommt man durch ein Panoramabild den Eindruck des Lebens an der Berliner Mauer in den 1980’er Jahren. Dazu Geräusche und Original Tondokumente. Stellt euch direkt vor die Leinwand oder auf die Empore und beobachtet einen Herbsttag in Berlin auf Riesenleinwand. Das Panoramabild (kein Film) dürfte meinen Schätzungen nach 8-10 Meter hoch sein. Man richtete sich sein Leben mit der Mauer ein. Wer nach soviel Kuklturrückschau auf Berlin während der Teilung genug hat, der läuft oder fährt wie ich mit der U-Bahn zur Französischen Straße, denn dort befindet sich der (klimatisierte) Ritter Sport Shop :-). Ein Eiskaffee, eine eigene Schokoladensorte, ein Eimerchen NussNugatCreme … da wird sich doch wohl etwas finden lassen.

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Nur mal so nebenbei, in all den Jahren, in denen ich nach Berlin komme, habe ich noch nicht erlebt, daß nicht irgendwo gebaut oder gebuddelt wurde. Gerade dachte ich rund um den Hauptbahnhof wird’s schön, wird auch schon wieder alles aufgerissen (Bau der S-Bahnverlängerung). Gleiches unter den Linden (U-Bahn und Stadtschloß) oder auf der Museumsinsel (Immerbaustelle 😮 ). Das Stadtschloß, daß dort entsteht, wo früher mal „Erichs Lampenladen“, oh pardon der Palast der Republik stand, kann übrigens in einer Ausstellung in der Humboldtbox betrachtet werden. Auch ein Blick auf die Baustelle von oben ist möglich. Die Humboldtbox steht gegenüber des Berliner Doms (Eintritt 3,- €). Wenn ich ganz ehrlich bin, vom Hocker gerissen hat mich die Humboldtbox jetzt nicht, lediglich das fertige Modell des Stadtschlosses in der 1. Etage war ganz eindrucksvoll.

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Nach Berlin um Geschichte zu erleben (II) ist in Vorbereitung, und wer noch mehr Bilder sehen möchte, die gibt’s reichlich bei Flickr und Google+ im Album „Berlin2014“. Und wer sehen will, was ich spontan bei Instagram veröffentlich habe, sollte dort mal nach dem Hastag #krdigitalberlin suchen.

[Update] Hier geht’s zum zweiten Teil „Nach Berlin um Geschichte zu erleben (II)

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