Von Höhen und Tiefen

Verrückte Maschinen, im Kreis drehende Bonbons, ein Webstuhl der Geräusche macht und das Sound Design einer Maschinenhalle, das sind die Zutaten für eine oder besser gleich zwei Ausstellungen unter dem Namen „Von Höhen und Tiefen“. Sie laufen aktuell im Haus der Seidenkultur (bis 14.06.) und im alten Krefelder Klärwerk (bis 28.06.). Die Ausstellung soll auf die wenig sichtbare Industriegeschichte der Stadt Krefeld aufmerksam machen. Mir, der sich mit Kunst manchmal etwas schwer tut, haben die beiden Ausstellungen gut gefallen, weil hier Nils Mosh, als Klangkünstler, die Geräusche der Seide und der Webstühle kombiniert mit Willi Reiche, der als Kinetikkünstler, die Maschinen gebaut hat.

Der Websaal, anfangs Teil eines Wohnhauses, mit knarrenden Holzdielen, großen Fenstern und viel Handarbeit findet sich heute allenfalls noch im Haus der Seidenkultur. Die Weberhäuser gibt es noch, aber die Websääle waren schnell zu klein. Das maschinelle weben kam in Mode, die Webstühle größer, der Platzbedarf ebenso. Die Ausstellung im Klärwerk überrascht ebenso wie das Haus der Seidenkultur mit dem Geräusch der Seidenraupe, die in ihrem Kokon mit heißen Wasser übergossen wird, um die Seide zu gewinnen. Während im Klärwerk der Sound automatisch ertönt, findet man im Haus der Seidenkultur einen Webstuhl mit Fäden, die den Sound hörbar machen.

Je nachdem welchen Faden ihr zieht, und das ist sehr wohl gewünscht, hört man die Raupe fressen, das alte Weberschiffchen durch die Kettfäden schießen, die Kartenschlagmaschine (eine Art Lochkarte für das gewebte Stoffmuster), den alten wie den modernen Webstuhl bis hin zur Abwasserentsorgung. Moderne Webstühle waren es auch, die in der Industriegeschichte 1828 zum Aufstand der Weber führten, weil sie ihnen die Arbeit wegnahmen. Die Wut richtete sich gegen die mächtigen Seidenbarone und weil 1828 das Jahr des Aufstands war, hört man z.B. alle 18:28 Min. im Klärwerk das Klirren einer Scheibe, die damals eingeworfen wurde.

Nach dem Entbasten (dem Kokon wurde der Seidenleim entzogen) wurde die Seide mit Metallsalzen behandelt. Färbereien arbeiten mit Beizmitteln und Farbstoffen, was wieder durch eine Maschine dargestellt wird und die Schadstoffe flossen anschließend in den Rhein. Die Industrie der frühen Zeit war gefährlich, giftig und mancher Arbeiter hatte oft blaue Hände. Später wurde das Klärwerk gebaut um u.a. genau die Gifte wieder aus dem Abwasser zu entfernen (was nicht immer gelang). Heute liegt die Klärleistung eines modernen Klärwerks bei um die 90%.

Man erfährt etwas über Kiefermäuler, eine Art Schraustock, der die Garnrollen (Knops) hielt, welche von der Firma Motte & Cie produziert wurden (Motte und Knops = Mottenknops), eine Maschine erinnert an die industrielle Produktion der 1920’er Jahre, andere Maschinen rattern, quietschen und leuchten sich durch die Industriegeschichte. Wer zitterfrei ist, darf die Drahtschlinge am Draht entlangführen oder sich nicht zuletzt überlegen, wie man sich künstlerisch mit den (Stoff-)Farben weiß, rot violett, grün schwarz eines Kirchenjahres beschäftigt. Ich spoiler mal, mit sich drehenden Töpfen voll mit farbigen Süßigkeiten.

Ich wohne jetzt seit gut 35 Jahren in dieser Stadt und vielleicht hat mich gerade deshalb die Ausstellung interessiert, weil ich in all den Jahren von Krefeld als Samt- und Seidenstadt noch nicht so viel gespürt habe, dabei ist die Industrie- und Kulturgeschichte einer jeden Stadt interessant. Wir sollten unseren Besuchern diese Industriegeschichte klar machen. Die Öffnungszeiten des Hauses der Seidenkultur sind Mi.-Fr. sowie So, die des Klärwerks Sa. und So. Bei letzterem ist der Eintritt frei, laßt stattdessen ein paar Euro für einen Kaffee oder ein Kaltgetränk da.

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